Akademische Karriere ja/nein

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Akademische Karriere ja/nein

Für alle, die sich mit der Frage beschäftigen, ob ein Doktor was für sie wäre oder für diejenigen, die mal einen kleinen Einblick in die Uniwelt erhalten wollen.

Im letzten Winter habe ich mich konkret mit der Überlegung auseinandergesetzt, ob ich mir einen akademischen Berufsweg vorstellen kann. Voraussetzung hierfür ist eine Promotion, welche bestenfalls in einem Doktor der Philosophie endet. Das bedeutet im Bereich der Geisteswissenschaften, in einem Zeitraum von 3 bis 5 Jahren eine Forschungsarbeit zu schreiben, sozusagen nochmal intensiv zu studieren. Die Frage beschäftigt mich nicht grundlos. Schon während meiner Bachelorarbeit erzählten ein Freund und ich, dass wir mal in der Mathematikdidaktik promovieren würden. Mehr aus Spaß. In meiner Masterarbeitszeit entdeckten meine Freundinnen und ich die Freude am Forschen im kleinen Stil. Dann wurde ich wissenschaftliche Mitarbeiterin und war quasi an der Basis und eine Promotion so nah wie noch nie, denn ich war nun „drin“ im undurchschaubaren Unigefüge.

Ich überlegte, ob ich meine Lehramtspläne über Board werfe und sofort in die Wissenschaft einsteige – mit dem Potenzial einer „akademischen Karriere“. Meine Pläne waren jeden Tag neu, mal wollte ich doch Lehrerin werden, mal auf jeden Fall demnächst eine Promotion beginnen. Das Wort Promotion und Doktor schwebten mir wie fantastisch glitzernde Begriffe vor meinem inneren Auge, aber was dies wirklich bedeutet, davon hatte ich keine Ahnung. Ich googlete mit wenig Erfolg nach Erfahrungsberichten von Promovierenden im Lehramt. Mehr Aufschluss gaben mir meine neu gewonnen Doktorandenkollegen und Promotionsbekannten sowie meine Professorin und Projektleiterin. Und deshalb schreibe ich nun meine eigene Pro/Kontra Liste zum Thema Promotion im Lehramt. Aus meiner Sicht. Was man wissen sollte und wie meine eigene Entscheidung ausfiel.

Wie immer ist nicht alles von der ernsten Seite zu sehen. 😉

Pro Promotion

1. Ich gebe es direkt zu: Eine Unitätigkeit hat was mit Prestige zu tun. Ein Doktortitel klingt für die breite Gesellschaft immer noch nach was Besonderem. Ein bisschen nach Glanz. Und ich merke diesen vermeintlichen Glanz schon im Kleinen. Ich hatte lange Zeit krampfhaft versucht, allen Leuten zu zeigen, dass ich schlau bin, obwohl ich „nur Lehramt studiere“ wie es immer so schön heißt. Und es war gar nicht so einfach, unter Beweis zu stellen, dass ich zwar ziemlich peilo, zeitweise auch blond, aber nicht blöd bin. Nenne ich jetzt meinen Beruf als wissenschaftliche Mitarbeiterin, zweifelt tatsächlich niemand mehr an meinem Hirn. So ist jedenfalls mein Gefühl. Irgendwie traurig. Denn nun werden mir Fragen wie „Oh krass, wie hast du das geschafft? – und dann auch noch so jung“ gestellt, anstatt „Wie kann man denn heutzutage noch Lehrerin werden wollen?“ oder Sätze wie „Ach naja, das anspruchsvollste hast du da ja nicht studiert. Ist ja nur Lehramt.“ Dabei sind die wahren Helden die Lehrer und nicht die wissenschaftlichen Mitarbeiter.

2. Außerdem: Ich habe unendlich viele Freiheiten. Flexible Arbeitszeiten. Und werde für mein Hobby „studieren“ bezahlt. Verrückt.

3. Ich habe das Gefühl, man nimmt mich (endlich) wahr. Mein leicht verwirrter Geist passt irgendwie in das Unisystem und ich habe den Eindruck „unter meines Gleichen zu sein“. Ich fühle mich inspiriert. Meine Doktoranden-Bekannten haben einen unglaublich witzigen Humor und irgendwie ist man meist auf einer Wellenlänge. Schön kuschelig ist es im homogenen Club der “Theoretiker”.

4. Uni ist mein zu Hause. Ich liebe Uni einfach. Hier kann ich ungestört ehrgeizig sowie neugierig sein und das tun, was mir am meisten Spaß macht. Mich bilden. Neue Dinge lernen. Lernen ist mein Hobby und meine Arbeit somit irgendwie auch.

5. Ich beschäftige mich gerne mit anspruchsvollen Themen und man hat an der Uni die Möglichkeit die Erkenntnisse in die Erwachsenenbildung zu tragen. Keine Kinder, die dich weinen sehen wollen, sondern eher motivierte Studierende (im Idealfall jedenfalls) mit denen man in einen Austausch tritt. Manchmal habe ich Angst, dass ich mit Grundschulkindern nach dem 12. Mal „Schuhe-binden- Erklären“ vielleicht kognitiv nicht ganz ausgelastet bin und am Ende in Babysprache rede. Horrorvorstellung. Das würde mir im Seminar mit Masterstudierenden nicht passieren.  

6. Ein Doktortitel eröffnet viele neue Karrierewege. Das ist sehr reizvoll.

Kontra Promotion

Jeder weiß, dass eine Promotion ein zäher langwieriger Prozess ist, bei dem es ein hohes Maß an Ehrgeiz, Selbstmotivation, Organisation und Durchhaltevermögen bedarf.

Was ich nicht wusste:

1. Als Promotionsstudent bist du Einzelkämpfer. Isoliert. Du sitzt ca. 8h am Tag am PC oder über deinen Büchern, im Büro oder in der Bibliothek. Vielleicht triffst du Freunde oder Kollegen in den Pausen, aber dann sinnierst du wieder alleine über den Sinn/Unsinn deiner Dissertation. Alle meiner Doktoranden-Bekannten meinen zu mir, dass sie gerne alleine im Büro sind und das richtig schön finden. Sie lieben es, ungestört arbeiten zu können. Ich dagegen setze mich manchmal mit meinen Büchern und dem Laptop ins Unicafé um Menschen um mich herum zu haben oder gehe zu halbfremden Leuten in der Mensa, die ich nur einmal gesehen haben muss, um mit ihnen meine Pause zu verbringen. Alleine arbeiten fällt mir persönlich schwer. Die erste Frage, die ich mir stellen musste, ist also:

Schaffe ich es alleine, fünf Jahre lang, isoliert von Menschen an einer Arbeit zu schreiben ohne Depressionen zu bekommen?

2. Während meines Jobs war ich in verschiedenen Sitzungen zur Planung verschiedener Events. Doktoren und Doktoranden gehen detailliert vor. Da kann es schon mal mehrere Stunden dauern, eine ausgeklügelte Doodleumfrage zu erstellen, um dann eine Mail eines geliebt wie gefürchteten Professors zu bekommen, der die Doodleumfrage nicht verstehe. Er will lieber eine Option auswählen, welche in der Umfrage nicht vorhanden ist. Fast schon panisch erschien mir die Mail eines Kollegen an mich: “Was wir da denn jetzt machen sollen?”  

Auch der Feedbackbogen, der eigentlich nie ausgefüllt wird, muss auf sämtlichen Events gefühlt allen Gütekriterien entsprechen. Da zweifle ich ernsthaft am Sinn.

Hier meldet sich mein spontanes Herz, welches keine Veranstaltung detailliert durchplanen würde, weil es immer anders kommt. Die zweite Frage ist also:

Ertrage ich es, für jede kleinste Aufgabe mit dem absoluten Perfektionismus des Unisystems klar zu kommen oder würde es mich auf Dauer nerven, da ich „arbeitssparender“ vorgehen würde und dann doch “einfach mache” anstatt vorher alles theoretisch beleuchte?

Eine wichtige Frage für mich ist außerdem:

Wie ehrlich ist Forschung?

3. Ich hoffe, ich lehne mich hier nicht zu weit aus dem Fenster, aber in sämtlichen Büros der Unis dieser Welt fallen Sätze wie, „Na dann rechnen wir das noch mal so und so und schauen, ob dann was rauskommt“ . Da habe ich echt meine Zweifel… Vor allem da Promotionen, welche in den Untersuchungen nichts bedeutungsvolles aufzeigen können (da einfach kein Effekt besteht) in der Versenkung verschwinden…und das möchte ja kein Doktorand dieser Welt. Also wird halt noch mal ein bisschen „anders“ gerechnet.

4. Ich mag alle Menschen sehr, die ich bis jetzt an der Uni kennen lernte. Trotzdem ist Narzissmus in den „höheren Schichten“ allgegenwärtig. Es ist schließlich überlebenswichtig zu meinen, dass man es richtig drauf hat. Denn in den Kolloquien, in denen erste Forschungsergebnisse dargestellt werden, geht es hoch her. Immer nimmt irgendwer dich auseinander. Die Pädagogen die Psychologen, die Psychologen die Pädagogen. Quantitative vs. Qualitative Forschungsmethode und der ewige Kampf, ob es nun besser wäre, Untersuchungsgegenstände mit Zahlen messbar zu machen (quantitativ, z.B. Umfrage) oder Erkenntnisse durch die Interpretation von Worte zu generieren (qualitativ, z.B. Interview). Da kommt es schon mal vor, dass sich ein Professor die Versuche eines Doktoranden, der seine Forschungsmethode zu begründen versucht, mit einem „Ich höre mir das nicht mehr an“ quittiert und wutentbrannt den Raum verlässt. Oder einfach nur lacht. Leise und schadenfroh und gar nicht mal so witzig. Oder man muss noch mal von vorne anfangen, da man nach 3 Jahren an den Anfang sollte und die Forschungsfrage überdenken müsse. Dies darf man dann auf gar keinen Fall als Rückschlag interpretieren, sondern als „Promotionsprozess“.  Okay, fängt man quasi halt von vorne an.

Würde ich solch ein dickes Fell entwickeln?

5. Ein anderes Thema ist die berufliche Unsicherheit im akademischen Bereich. Doktoren müssen die Unis regelmäßig wechseln. Maximal sechs Jahre darf man an einer bleiben. Die Verträge sind immer befristet, die wissenschaftlichen Mitarbeiter hangeln sich von Vertrag zu Vertrag, von Jahr zu Jahr, ohne zu wissen, ob man nächstes Jahr noch in dieser Stadt an dieser Uni bleiben darf oder ob deine Stelle gestrichen wird.

Bin ich für ein abwechslungsreiches aber auch unsicheres Uniarbeitsfeld gemacht?

6. Außerdem beutet Uni ein Stück weit Arbeitsausbeutung. Der Regelfall sind zweidrittel Stellen mit einem 100 prozentigem Arbeitsumfang. Das heißt 100% Arbeit, aber man wird nur für 66% bezahlt. Es ist „normal“ immer mehr zu arbeiten als im Arbeitsvertrag steht. Was meint meine Work-Life Balance dazu? Denn die Promotion schreibt man in seiner Freizeit, diese gehört nicht in die Arbeitszeit. Deshalb nur die 66% damit man in der restlichen Zeit an der Dissertation schreibt. Geht nur leider häufig nicht so auf.

Und die letzte Frage an mich:

7. Wofür schlägt mein Herz? Ich merke, ich liebe Lehrveranstaltungen, den Kontakt mit Studierenden, Themen, welche Didaktik betreffen, mag es, eine Masterarbeit zu betreuten, zu beraten und mit unseren Hilfskräften die Aufgaben abzusprechen.

Ich gebe auch gerne Daten in Statistikprogramme ein, lese 3 Bücher in 3 Stunden quer und lausche interessiert dem monatlichen Forschungsaustausch. Aber mein Herz schlägt für die eben genannten “typischen” Lehrtätigkeiten.

Wie man sicherlich merkt, entscheide ich mich für die Praxis und für die Schule. Vorerst. Ich träume noch von einer Promotion, aber für die nächsten Jahre plane ich, Lehrerin zu sein. Denn die letzten zwei entscheidenden Fragen sind immer noch: Hast du ein pädagogisches Thema, für was dein Herz schlägt und mit dem du dich am liebsten noch in deiner Freizeit beschäftigen möchtest? Und: Möchtest du die Karriere an einer Uni wirklich, denn das ist eine grundlegende Lebenswegentscheidung und nicht nur eine Berufswahl. Diese beiden Fragen kann ich (noch) nicht beantworten. Meinen Vertrag an der Uni verlängere ich nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass ich wiederkomme- nach dem Sammeln von Praxiserfahrungen.

Hast du schon mal über eine Promotion nachgedacht?
Fotos: Johanna S. Instagram: fotosbyjohanna
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