Aktuelle (Corona)Lage im Millieu

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Aktuelle (Corona)Lage im Millieu

Schon lange habe ich keinen Beitrag mehr zum Thema Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung geschrieben. Mein Herzensthema und doch fehlen mir häufig passende Worte.

Hinzukam, dass ich sieben Monate lang Pause hatte – durch Tansania und meiner Zeit zu Hause. Ich war irgendwie „raus“. Fand in der hektischen Zeit meines neuen Jobs nicht mehr so viel Zeit für Ehrenamt.

Als ich nun das erste Mal wieder mit die Frauen besuchen war, bevor die Corona-Lage sich zuspitzte, traf mich die prekäre Lage unmittelbar. Corona. Ja, wir sind alle irgendwie betroffen. Unsere Frauen in Prostitution existenziell. Ohne Kunden, kein Geld. Menschen in Prostitution leben ohne Absicherung. Das, was sie verdienen ernährt nicht nur sie selbst, sondern meist auch die gesamte Familie zu Hause in Osteuropa. „Die Lage ist hart, ich kann nirgends arbeiten. Ich kann nicht mehr nach Hause nach Rumänien, mir geht es nicht gut!“ Wir unterhalten uns auf gebrochenem Englisch, versuchen zu trösten. Wir beten zusammen. Eine schwere Situation. Mein Blick streift durch das Zimmer. Hier in dieser Wohnung war ich schon ein paar Mal, erinnere ich mich. Immer andere Frauen. Frauen, die uns in dieser Wohnung Schokolade schenkten. Eine andere Frau, die sehr krank war, sodass wir den Notarzt rufen mussten. An diesem Bett stand ich schon mal, war überfordert als die betroffene Frau nicht ins Krankenhaus wollte, da sie keine Versicherung hat. Viele Geschichten in einer einzigen Wohnung.

In der Zeitung erfahren wir, dass in den Bordellen der Stadt, die Polizei den Betrieb einstellen musste. Das ist die andere Seite. Die Betreiber wussten angeblich nichts davon, dass sie schließen sollten. Hochbetrieb in den Bordellen zu Beginn der Corona Krise. Was sind das für Kunden, bei denen das Bedürfnis danach, eine Person zu kaufen, größer ist als ein Mindestabstand? Noch minimaler kann der Abstand nun wirklich nicht sein.

Ich nehme mal an, dass Rettungsschirme der Regierung nicht die Frauen in Prostitution betreffen, die hier keine Aufenthaltsgenehmigung haben. Die aus Armutsverhältnissen aus Osteuropa nach Deutschland kommen, um ihren Kindern zu Hause eine Zukunft zu schenken. Die in Wohnungen mitten in der Stadt arbeiten und jede Woche in eine neue Stadt aufbrechen (müssen). Die irgendwie versteckt vor den Augen der Gesellschaft leben und in den Medien als „emanzipierte Sexarbeiterinnen“ gefeiert werden.

Ohnmacht.

Und doch habe ich das Gefühl, dass in Deutschland etwas passiert. Veränderung. Wir als kleine ehrenamtliche Gruppe, die es auf dem Herzen haben, Menschen am Rande der Gesellschaft zu besuchen und unser christliches Menschenbild von Würde und Liebe weitergeben wollen, werden gefragt als „Experten“ an runden Tischen eines Frauenrats teilzunehmen. Wir reden mit Politikern, halten Vorträge und werden für Zeitungen und Masterarbeiten interviewt.

Ja, und so rutscht mir fast das Telefon aus der Hand, als mich der nette betagte Mann anrief, der eine hohe Position an irgendeinem Gericht (ich kenne mich da nicht aus) innehat und uns juristische Workshops anbietet.

Beim Rotary Club haben wir einen Vortrag zum Thema Frauen in Prostitution als mögliche Opfer von Menschenhandel gehalten und vor Personen gesprochen, die aus einer, für mich “anderen” Gesellschaftsschicht stammen.

Und wie ich da so stehe, denke ich, es passiert etwas. Aufklärungsarbeit ist uns enorm wichtig.

Und wie ich Artikel über die Lage der Menschen in Prostitution lese, so denke ich, vielleicht ist es für viele eine Chance zum Ausstieg.

Ich bin gespannt, wie es nach Corona weitergeht. Wie wird es unseren Frauen gehen? Wie werden wir das Thema spezifischer in die Thüringer Politik tragen können? Es mangelt uns an MitarbeiterInnen. Die, die mitarbeiten sind an allen Ecken gut beschäftigt.

Heute, nach dem Anruf des Richters, habe ich wieder Mut. Die Menschen sind nicht vergessen, es wird was passieren. Außerdem weiß ich, ich darf mein Ehrenamt nicht vernachlässigen – egal wie stressig der Job ist. Wir haben Visionen. Der Glaube an Freiheit und das Ende der sexuellen Ausbeutung ist wie Luft für mich. Ich brauche es zum Atmen.

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