Eine Fanta und ein bedrückendes Gefühl

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Eine Fanta und ein bedrückendes Gefühl

Sie sitzt mir gegenüber. In diesem schönen traditionellen Kleid mit den Volants, gelb und blau. Und lächelt mich an. Mit einem etwas abgeschwächteren Lächeln als sonst, aufgrund eines tragischen Trauerfalls in ihrer Familie. Und gleichzeitig trotzdem voll Wärme.

Wir sind in einem Café.

Ich trinke einen Smoothie, welcher eher ein Milchshake ist. Und denke dabei, dass ich in den nächsten Wochen immer neue Sachen ausprobieren werde. Die ganze Speisekarte. Mein Smoothie ist schnell leer.

Ich schaue hinab auf ihre Fanta. Die sie genussvoll, langsam und Schluck für Schluck trinkt. Sie fährt mit ihren Händen am Glas entlang. Immer wieder. Ein kostbarer Moment für sie. Das Glas ist noch voll, als ich schon fertig bin.

Ich fühle mich komisch. Komisch, weil mein Getränk fünffach so teuer war. Betrübt, weil das, was ich trank, für mich einfach nur ein Getränk war – für sie eben nicht ohne mit der Wimper zu zucken erwerbbar ist. Ein bisschen wehmütig, weil wir gleich alt sind und unser Leben so verschieden. So verschieden.

Und sie erzählt mir, dass sie Deutschland mal im Fernsehen sah und es so wunderschön aussah.

Und mir liegt auf der Zunge, ein „Vielleicht siehst du es mal in echt. Deutschland ist ein schönes Land.“ und ich schlucke es herunter und sage, dass Deutschland schön ist und wie schön ich Tansania finde.

Willkommen in Tansania, sagt sie.

Ich fühle mich komisch. Komisch, weil ich beide Länder sehen darf.

„Willkommen in Tansania!“, sagt sie, lächelt und erzählt mir, dass in Tansania alle eine Familie sind, dass dir auf der Straße, wenn du laut „Hilfe“ rufst, immer geholfen wird. Alle Menschen kommen aus ihren Häusern und helfen dir. Wenn du auf der Straße weinst, fragen andere dich, was los sei. Wir sagen zu Fremden: Hallo, Papa, hallo Mama. Gibt es einen Konflikt auf der Straße, wird immer dazwischen gegangen. „Frieden stiften.“, das ist uns wichtig.

Ich erzähle ihr, dass wir in Deutschland nicht so eine starke Gemeinschaft haben. Lieber Abstand mögen. Uns in Konflikte auf der Straße nicht unbedingt einmischen. Ich erzähle ihr nicht, wie oft ich schon weinend in der Straßenbahn saß und niemand irgendwas fragte. Wie oft ich schon, unangenehm berührt, wegschaute. Ich glaube, sie weiß es schon.

Ich glaube, sie weiß über sehr vieles Bescheid. Und so schwärmt sie in dieser kurzen Zeit, über die Menschen in ihrem Land.

Und ich sage, dass sich viele Menschen in Deutschland einsam fühlen. Dass Einsamkeit bei Älteren und auch bei Jüngeren ein großes Problem ist. Wir haben nicht eine solche starke Gemeinschaft. Sie reißt erschrocken die Augen auf. „Wirklich?“, fragt sie.

Ich möchte wohl dieses Gefühl, dieses bedrückende Gefühl, dass eine Fanta in mir auslöste, loswerden, indem ich über die schlechten Seiten meines Landes spreche, anstatt über all das, was phänomenal gut bei uns läuft. Das, was es mir ermöglicht, eine gebildete, reiche Frau mit Kreditkarte zu sein.

Ich denke, sie weiß es eh schon. Sie weiß es, wie gut unsere Wirtschaft ist, die meine Bildung und meinen Lebensstandard garantiert.

Sarah, mit ihren 7 Jahren, die neben uns sitzt, erzählt frei von ihrem Taschengeld, dass sie sich ein Tablet kaufen möchte. Sie redet davon, dass sie sich doch auch solch ein technisches Gerät kaufen könne. Sie habe doch Arbeit und kann sparen. Kinder sind erfrischend direkt.

Nein, das könne sie sich nicht leisten, das Geld ist für ihre Familie, für ihre Geschwister. Für Schuhe. Für Essen. Sie versorgt ihre Familie.

Irgendwann, sagt sie, irgendwann kommen andere Zeiten. Denn Jesus hält viel mehr für uns bereit, als wir jetzt haben.

Mir kommt es so platt vor, dass ich mit all meinen Privilegien sage, ja Gott ist größer als wir uns jemals vorstellen können. Amen, sagt sie.

Sie muss nach Hause, sich um ihre ganze Familie kümmern. Sie hat die Mutterrolle. Zu Hause beginnt ihr zweite „Schicht“. Sie fragt, ob ich noch Zeit hätte, sie habe keine mehr.

Ich weiß noch nicht, wie ich dieses bedrückende Gefühl loswerde. Ich nehme es mit.

Aber: Ich weiß, dass ich nichts ändere, wenn ich dieses bedrückende Gefühl behalte.

Im Gegenteil.

Denn wenn ich dieses komische Gefühl behalten würde, dann würde ich ihr absprechen, dass sie eine starke, selbstständige Frau ist. Mit einem regelmäßigen Einkommen, mit inspirierenden modischen Outfits. Einem Job, dem sie voll Eifer nachgeht. Absprechen, dass sie sich manchmal nach der Arbeit eine Pause mit einer luxuriösen wundervollen Fanta gönnen kann.

Dass sie reich ist. Reich an Wärme und Weisheit. Reich daran, für sich selbst zu sorgen und auf sich zu achten.

Ich würde ihr absprechen, dass wir doch irgendwie gleich sind. Zwei Frauen in der Mitte der 20.

Wir stehen beide am Morgen auf, gehen an die Arbeit, leben einen “Alltag”, hatten die selben Lieblingsfächer in der Schule, mögen Schmuck und Kleider, lachen und reden gerne und wollen irgendwann heiraten.

Wir sind gleich und doch verschieden. Eine Fanta, einmal die Woche. Eigentlich seltener. Und Shakes und Kaffee an fast jedem Tag.

Ich möchte nicht über globale Gerechtigkeit schreiben. Es geht mir nicht um Missstände. Möchte kein Land besser oder schlechter als das andere reden. Hier geht es in erster Linie, um meine Empfindungen. Ich bin nicht weltfremd, ich weiß, dass wir in dieser Zeit, auf dieser Welt, keine Welt voller Gerechtigkeit haben (werden). Ich bin empathisch, kann mich dennoch meistens gut von den Geschichten anderer emotional abgrenzen. Und trotzdem erfasste mich diese Fanta um einiges mehr, als ich erwartete. Weil diese kleine Geschichte des Alltags echt und real ist. Keine Erzählung. Sondern unmittelbar. Und es mir in Form dieser Fanta knallhart ins Gesicht schleudert, dass ich zu den reichsten Prozent dieser Weltbevölkerung gehöre – und mir das so oft nicht bewusst ist. Ich hoffe, es wird deutlich – zwischen den Zeilen – wie mich diese Frau beeindruckt. Und das würde sie mich überall auf der Welt – egal, ob in Europa oder Asien oder Afrika.

Und trotzdem, und trotzdem muss ich am Abend fast weinen.

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