(Keine) Tipps gegen Schüchternheit

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(Keine) Tipps gegen Schüchternheit
Model und Text stehen in keinem Zusammenhang. 😉

“Sei nicht so schüchtern.” Das sagte ich mir oft. In der Fernsehserie “Anna und die Liebe”, die ich vor 10 Jahren schaute, wurde die Protagonistin als schüchternstes Mädchen der Welt bezeichnet. Im Stillen dachte ich, dass die Macher der Sendung dann noch nicht mich kennengelernt haben. Denn für mich war ich das schüchternste Mädchen der Welt. Da war ich mir ganz sicher. Mit 15. Vor 10 Jahren.

Und ich litt darunter. Wusste ich doch tief in mir drin, dass da was ist, was verschütt gegangen ist. Überschüttet mit einer Mauer. Schüchternheit war meine Mauer. Mit meiner Schüchternheit war ich unsichtbar, versteckt, unauffällig. Eingemauert. Und mochte mich ganz und gar nicht. Ich bewunderte die Mädchen, die sich behaupten konnten, die laut waren, glänzend… Für mich fand man Worte wie „schüchternes Mäuschen“.
Einen weisen Satz sagte mal mein großes Teenagervorbild zu mir. Nämlich:

„Ich finde schüchterne Menschen total interessant, bei ihnen kann man so viel entdecken und sie überraschen mich immer wieder.“

Danke für diesen Satz.

Denn ich schreibe hier keinen Ratgeber gegen Schüchternheit, denn was ich damals so dringend wissen musste und auch viele schüchterne Menschen wissen sollten:

Schüchternheit ist nichts Schlechtes. Schüchterne Menschen sind etwas ganz Besonderes! Wie arm wäre unsere Welt ohne Menschen, die die ruhigen Beobachter sind, die sich selbst zurücknehmen können, die nicht immer hier schreien und nicht rund um die Uhr um die Aufmerksamkeit des Mittelpunktes kämpfen. Schüchterne Menschen sind aufregend. Nach und nach lernt man ihre Kraft kennen und ist immer wieder überrascht. Sie zeigen nicht alles sofort. Sie gehen sorgfältig mit ihren Funken um, die genauso in Flammen erstrahlen wie bei nicht schüchternen Menschen. In Schüchternheit steckt so viel Potenzial. Wir müssen es nur mehr sehen.

DU DARFST SCHÜCHTERN SEIN.

Oder leidest du darunter? Ich litt. Und ich glaube im Nachhinein, dass nicht die „Schüchternheit“ mein Problem war, sondern Furcht, Angst und ein geringes Selbstwertgefühl. Es ist auch gar nicht so einfach in einer Welt zu leben, in der es leider wirklich so ist, dass man nur mit einem offenen, extrovertierten, kommunikativen, „hier bin ich Wesen“ “weit” kommt und überhaupt gesehen wird. Und unsere Gesellschaft stigmatisiert Schüchternheit und konnotiert sie mit „schlecht“, „weniger erfolgreich“, „Mäuschen“. Und vielleicht kommt man mit einem schüchternen Wesen wirklich nicht an die Spitze der Karriere (jedenfalls nicht heutzutage, vielleicht in einer anderen Zeit). Aber warum bezeichnen wir diesen einen Lebensweg als „weit gekommen im Leben“? Nicht jeder muss die Aufmerksamkeit der Welt auf sich ziehen. Nicht jeder Chef sein. Nicht jeder in der ersten Reihe stehen, sonst gäbe es ja nur eine. Aber ein Chor besteht aus mehreren Reihen und auch die zweite und dritte Reihe sind wichtig. Auch schüchterne Menschen haben ihren Platz. Und ich wünsche mir, dass dieser Platz immer größer wird.

Ich denke, es ist wichtig, Schüchternheit zu akzeptieren.

Aber auch zu wissen: Man muss nicht schüchtern bleiben. Jedenfalls nicht bei einer „unguten“ Form der Schüchternheit wie es bei mir der Fall war. Eine Mauer. Ich war vielleicht im tiefen Inneren gar nicht schüchtern, aber die Umstände machten aus mir einen schüchternen, unselbstbewussten, krumm laufenden Menschen mit der Vorstellung, dass es bei mir eh nie zu irgendetwas reicht.

Und ich durfte erleben, wie sich mein Leben veränderte und aus mir die Frau wurde, die ich mir für mich selbst, als 15-jährige Teenagerin, gewünscht habe. Aber nie für möglich gehalten habe.

Deshalb möchte ich ein paar Tipps geben, für diejenigen, die sich mit ihrer Schüchternheit nicht wohl fühlen. Dinge, die mir “geholfen” haben.

  1. Alle Menschen haben schüchterne Seiten. Auch die selbstbewussteste lauteste Person kann in Umstände geraten, in der sie schüchtern ist. Das ist okay und vollkommen normal.
  2. Keine Charaktereigenschaft ist nur gut oder nur schlecht. Auch Schüchternheit nicht.
  3. Schüchternheit definiert dich nicht. Du bist so viel mehr.
  4. Bis zu einem gewissen Punkt kann man Schüchternheit überspielen. So habe ich damals angefangen zu lernen, dass ich eigentlich nicht (mehr) schüchtern bin. Ich habe Menschen beobachtet und geschaut wie sie wirken und dies dann imitiert. Mimik, Gestik, Rhetorik. Ich habe mir vorgestellt ich sei Schauspielerin und würde eine nicht schüchterne Person spielen. Am Anfang war da vielleicht Imitation und man könnte meinen, ich wäre nicht ich selbst gewesen. Stimmt vielleicht auch. Aber nach und nach erkannte ich mein eigenes Wesen und lernte wie ich aus meiner Schüchternheit ausbrechen konnte. Denn ich wollte da raus, weil sie nur meine Mauer war. Und ziemlich bald war ich wieder ich selbst – ohne Schauspiel. Und ohne Mauer.
  5. Dabei spielen Mimik und Gestik eine große Rolle. Fühlst du dich unwohl und Schüchternheit übermannt dich? Dann einfach noch breiter lächeln, noch aufrechter gehen und dir vorstellen, dass du mit deinem Körper, deinem Gang und deiner tollen Art den ganzen Raum einnimmst.
  6. Schüchternheit wirkt sympathisch. In einer Welt in der es viel um das „lauter, schneller, weiter“ geht, fühlt es sich für mich wie eine Oase an, wenn ich schüchternen Menschen begegne.
  7. Challenge dich. Ich hatte vor nicht allzu langer Zeit Umstände, in denen ich grundsätzlich schüchtern war. Ich war immer gegenüber männlichen „Autoritätspersonen“ schüchtern. Und so suchte ich mir Situationen, in denen ich mehr Männern als Autoritätspersonen begegnete und lernte, dass ich vor ihnen keine Angst haben brauchte und nicht schüchtern sein muss.
  8. Außerdem glaube ich als Christin, dass ich es Gott zu verdanken habe, dass mein Selbstwertgefühl stieg, ich vielen tollen Menschen begegnete, die mich prägten und ich immer wieder über mich selbst hinauswachsen durfte.

Wie gesagt, Schüchternheit ist nichts Schlechtes, sondern hat viel Potenzial. Trotzdem gibt es Situationen, in denen sie uns hindert und wir gerne weniger schüchtern wären. Dann ist es wichtig zu wissen, dass man nicht schüchtern bleiben muss. Vor allem dann, wenn Schüchternheit aus wenig Selbstbewusstsein oder Angst resultiert wie bei mir damals.

Alles in allem: Ich mag schüchterne Menschen total und sie sind bereichernd für unsere Welt!

Und das sage ich aus der heutigen Perspektive einer sehr unschüchternen Person, die manchmal vergisst, dass sie vor 10 Jahren so schüchtern war, dass sie kein Wort herausbekam. Ich sollte jetzt vielleicht eher Blogs lesen, die mir Tipps geben, wie ich mein manchmal lautes und vehementes Schnäbelchen unter Kontrolle bekomme. Haha. 😀

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