Sein.

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Sein.

Frau sein. Schön sein. Sein umgeben von Glitzer und Spitze, von Nagellack, Lippenstift und dunkler Macht. Von Dunkelheit. Von lauter Stimme, die dir selbst entkommt und hysterisch den Weg zu uns fand. 

Frau sein. Schön sein. Sein, was Mann nicht hat. Mit Rundungen und Lippen bunt und laut und schillernd. Sein mit Röcken, die nicht da sind zum Bedecken. Sein mit roten Lippen, die nicht da sind zum Blicken.

Frau sein. Schön sein. Körper sein. Sein in der Tür stehend sich wendend. Sich bewegend und reckend. Präsentation sein. Für Männer, die den langen Flur entlanggehen. Vorbeigehen. Leider und endlich zugleich nicht weiter gehen. Mitgehen. In dein Zimmer Arbeitsplatz und Lebensort zugleich. Sein in dunklen Ecken, nah, und doch nicht weiter weg.

Was ist das sein.

Benutzt sein. Versteckt sein. Verletzt sein. Missachtet. Verlacht. Verhöhnt. Nicht existent in den Köpfen so vieler und irgendwie legitim. Ans Ende gedrängt und doch mittendrin. Nebenan. In der Nachbarschaft. Übersehen.

Nichts Wert sein? Körper sein. Inmitten von Parfumgeruch und freien Kleidern. Umgeben von Männern in gezwungenen Händen. Im Kreislauf einer Welt sein, in dem dein Körper, dein Wesen, dein sein nur eine Hülle sei. Der Mensch auf den Körper beschränkt. Geschlagen. Gedemütigt. Misshandelt.

Wie ist es, in einer Welt zu sein, die Ja zum benutzt werden sagt. Die Ja zum Kaufen einer Person sagt. Ein Sein, indem das sein zu schwarz ist, um zu sein. 

Verachtet. Missachtet. Weggeschoben. Aus Köpfen und Herzen unserer Welt. Nicht wert sein, dass sich jemand um dich sorgt, an dich denkt und das MEHR in dir sieht. Mehr sein:

Das wertvoll sein. Geliebt sein. Kostbar sein. Mensch sein. Und das ist das sein, was dich definiert. Wertvoll und geliebt in Köpfen und Herzen. 

“Ihr seid meine Engel.” Nein, ihr unsere Prinzessinnen.


In dem Text habe ich versucht, meine subjektiven Erfahrungen von den letzten Jahren einer Arbeit im Rotlichtmilieu zu beschreiben. Die Eindrücke an den Orten und von unseren lieben Frauen zusammenzufassen. Ich habe versucht, folgende kalte und starre Fakten in ein Gerüst von Worten zu packen:

59% der Frauen in Prostitution wurden bereits als Kind körperlich misshandelt. 71% haben körperlich Angriffe in der Prostitution erlebt. 89% würden gerne aussteigen, haben aber keine andere Möglichkeit um zu überleben. 68% erfüllen Kriterien einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Laut einer Studie von Farley et al. (2003) in der 854 Interviews mit Frauen in Prostitution durchgeführt wurden (vgl. Wege, J. (2018): Sexualisierte Gewalt und Prostitution. In: Retkowski et al.: Handbuch. Sexualisierte Gewalt und pädagogische Kontexte. Weinheim/Basel: Beltz Juventa. 

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