Sie rannte ins Wasser.

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Sie rannte ins Wasser.

Aus dem Archiv. Juni 2018.


Sie spazierten am Strand entlang. Der Sand war warm.

Sie rannte ins Wasser. Sprang. Er hinterher. Verfolgt.

Sie schwamm.

Er: Du kannst unglaublich gut schwimmen.

Sie: Ja und sonnte sich im Wasser.

Und er legte ihr einen Schwimmflügel an.

Er: Du kannst sehr gut schwimmen.

Sie: Ja und sonnte sich im Wasser.

Und er legte ihr den zweiten Schwimmflügel an.

Er: Du kannst gut schwimmen.

Sie: Ja und ließ sich treiben.

Und er legte ihr den Schwimmreifen an.

Er: Du kannst doch gut schwimmen? Erstaunt.

Sie: Ja und verkleinerte ihre Bewegungen.

Eine Welle. Sie schluckte Wasser. Husten. Störrische Schwimmflügel.

Er: Schwimm doch mal! Gereizt.

Sie: Ja und begann zu strampeln.

Wellen.

Er: Warum schwimmst du nicht? Verwundert.

Sie: Ja und verfing sich im Schwimmreifen. Rutschte durch. Kopf unter Wasser.

Kälte.

Er: Und ich dachte, du kannst schwimmen. Du bist wie alle anderen. Keine kann schwimmen. Enttäuscht.

Sie: Das Ja war ein Husten.


Tiefsee.

Schwarz.

Stille.

Ohnmacht.


Ein ganzes halbes Jahr später.

Sie spazierte am Strand entlang. Legte allein ihre eigenen Arme um die mit Gänsehaut bedeckte Haut. Der Sand war nass und kalt. Barfuß. Der Wind wehte Erinnerungen aus der Tiefsee herbei. Erinnerung an das Gefühl niedergedrückt zu werden. Zu ersticken. Keine Luft zu bekommen. Schlingen, die tiefer und tiefer ziehen. Die Enge im Hals. Die Enge, die sie schluckt.

Sie kann wieder schwimmen. Ohne Schwimmflügel. Das Meer ist heute sanft. Was bleibt ist die Erinnerung an den Moment ohne Luft. In dem sie verstand, warum sie unterging. Was der Grund war. Und dass sie kurz all die Leichen auf dem Meeresgrund sah. Alles tote Frauen mit lieben Gesicht. Schön. Blass. Tot.

Sie nicht.

Was bleibt, ist die Dankbarkeit, lebendig am Strand stehen zu können.

Sie kann wieder schwimmen. Und wird nie wieder einen einzigen Schwimmflügel an ihren Arm binden lassen. Nie wieder.

Sie spazierte am Strand entlang. Der Sand war wieder warm.

*Ich verarbeite im Schreiben und bin in Gedanken bei den Menschen, welche die Schwimmflügel erst bemerken, wenn es zu spät ist.

Dieser Beitrag liegt mir sehr am Herzen.

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