Tansania Diary - Teil 1

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Tansania Diary - Teil 1

Mein Tansania Aufenthalt – Die erste Hälfte

Ausblick vom Mount Loleza

Viele Notizen füllen mein Schreibprogramm auf dem Handy. Ein paar habe ich hier zusammengestellt. Ich wünsche mir, dass ich ein Stück weit ein realistisches Bild meines Aufenthaltes im „wilden Afrika“ mit Worten zeichnen kann. Hier sind Tagebucheinträge aus der ersten Hälfte meiner Zeit in Tansania zusammengestellt. Halbzeit.

30.08.19

Ich muss mir immer wieder sagen, dass ich langsam machen muss. Ich will am liebsten sofort shoppen, sofort wandern, mich sofort mit neuen Menschen verabreden. Mein Herz brennt vor Abenteuerlust. Alles ist fremd. Ich mag es. Ich fühle mich sehr wohl, wurde herzlich empfangen.

Auf dem Dorf

15.09.19

Ich habe nicht direkt Heimweh. Ich bin glücklich und bereichert. Aber es ist manchmal schon schwierig, sich nicht einfach mit Freunden verabreden zu können, weil man schlecht Herzensnähe in nur 3 Monaten aufbaut. Es ist schwierig, kaum tiefgründige Gespräche aufgrund von Sprachbarrieren führen zu können. Es ist schwierig, bei Dämmerung nervös zu werden, weil man nachts alleine als Frau nicht auf den Straßen sein sollte. Es ist schwierig, sich manchmal eingeschlossener als in Deutschland zu fühlen. Es ist schwierig nur einen überlegten Bruchteil an Erfahrungen, Stories und Eindrücken weitergeben zu können und zu dürfen. Schwierig, die Mitte zwischen Übervorsicht und Leichtsinn zu treffen.
Es ist nicht alles Friede, Freude, Safari.

Aber es ist schön, dass sich manche Schwierigkeiten in Möglichkeiten ändern. Dass ich schon etwas Smalltalk in Swaheli kann. Dass ich Menschen aus Europa kennengelernt habe und ja, ich finde es einfacher und schneller sich mit Menschen, die dem selben oder einem ähnlichen Kulturkreis angehören, zu verbinden. Dass ich in einer Stadt und in einem Stadtteil lebe, in dem ich am Tag alleine außerhalb der Mauern einkaufen gehen kann. Dass ich Volleyball spiele, eine christliche Bible Study Gruppe besuche, dass es Probleme gibt, die überwindbar sind. Dass “Stiche” im Herzen dazugehören und es auf dieser Welt nie nur einfach ist. Und dass ich weiß, wie glücklich ich mich schätzen kann, den Austausch mitzuerleben. Zu wissen, dass ich niemals alleine bin, weil ich weiß, dass Gott immer dabei ist. Zu wissen, dass ich Fehler mache, aber dass ich daraus lerne. Und zu wissen, dass an jedem einzelnen Ende des Tages viel Gnade ist.

Mein Stadtteil und mein Weg “nach Hause”

17.09.19

Natürlich gibt es Herausforderungen, aber das heißt ja nicht, dass es weniger schön ist. Ich bin super strukturiert, jedenfalls was Pläne und Termine betrifft. In Deutschland gehe ich in Terminen und ToDos auf. Meine Wochenenden sind meistens mindestens einen Monat lang vorausgeplant, meine Wochen im Alltag strukturiert. Damit ich mein volles, gutes und erfülltes Leben auch irgendwie “schaffe”. Ich liebe sich erfüllende Planungen. Ich brauche sie, damit alles, was ich mir vornehme, funktioniert. Und dann bin ich hier. Und dann lebt man nicht nach Uhrzeiten. Dann bin ich immer pünktlich, dabei starten Dinge erst später als angedacht. Dann weiß ich nie, was kommt. Kann meine Zeit nicht planen. Muss spontan sein. Keine Ahnung, was am nächsten Wochenende ansteht. Und das stresst mich innerlich manchmal. Einen Augenblick. Auf einen Anruf hin, ob wir uns heute Nachmittag vor dem Volleyball 2h eher im Café treffen wollen, kann ich hier mit “Ja klar.” antworten. Das ist neu für mich. Nicht “Oh sorry, ich habe keine Zeit.”,sondern “Ja, ich habe die ganze Woche am Nachmittag Zeit.” macht mich auch irgendwie glücklich. Ungeplant glücklich. Vielleicht länger glücklich als der empfundene innerliche Stressmoment andauert. Vielleicht muss ich Ruhe wieder neu lernen.

Auf dem Markt
Der Fleischstand

18.09.19

Bei den Sangu

Wir machten uns auf die 4 stündige Reise in das Gebiet der Sangu, um alte, vom Aussterben bedrohte Reiselieder, aufzunehmen, die anschließend wissenschaftlich analysiert werden. Ich durfte Fotos machen und eine kleine Filmsequenz filmen. An diesem Tag erreichten mich so viele Eindrücke, dass ich jetzt 21 Uhr hundemüde in einem original tansanischen “Hotel” mit Eimerdusche und Hocktoilette in einem kleinen Dorf liege (was schon ein extra Ereignis an sich ist, nichts Tourismus). Zum ersten Mal bemerkte ich, dass mir beim Festtagsessen mit Fleisch irgendwie direkt übel wurde, als meine wohl zu schwache Kiefermuskulatur versuchte, das Hühnchen zu zerlegen, welches irgendwie besonders tierisch schmeckte. Man muss immer alles essen, was man bekommt, sonst ist es super super unhöflich. Jedes Mal lobe ich mich innerlich dafür, dass ich eigentlich alles esse, aber dann dennoch froh war, nicht das Stück mit der Leber bekommen zu haben. Im Dorf durfte ich Fotos der Sänger machen, eine kleine Sequenz eines Wanderliedes filmen und kurz mittanzen. Dann habe ich gelernt, dass es eigentlich gar nicht so schlecht ist, die Kinder auf den Arm zu nehmen, da manche Menschen hier Angst oder Ehrfurcht vor Menschen mit weißer Hautfarbe haben. Dann merken bereits die Kinder, dass wir ganz normal und nicht unberührbar sind. Sondern wir alle Menschen sind. Ich empfinde Tansanier eher als zurückhaltend, deshalb habe ich mich umso mehr gefreut, von einer jungen Frau nach meinem Namen gefragt zu werden und es verstanden zu haben. So und jetzt ärgere ich mich darüber, meine Ohropax vergessen zu haben, überlege, was ich mit den Löchern im Moskitonetz mache, denke darüber nach, dass ich absolut keine Ahnung habe, wo auf der Landkarte ich mich eigentlich befinde und hoffe, dass mein Magen Ruhe bewahrt.

Im Dorf der Sangu

24.09.19

Wenn man bei Instagram Auslandsaufenthalte verfolgt, dann bekommt man ja meistens nur die strahlende Seite mit. Reisen, Erlebnisse und Sonnenschein. Und zwischen all den Fotos, bei Café und Kuchen und einer Portion Ehrlichkeit – da hört man von Schattenseiten. Ich habe ein paar Freunde, die mehrmals in ihrem Leben im Ausland studieren oder arbeiten und bei all den Erlebnissen fällt oft ein “es ist schwer”, wenn man sich trifft. Ich glaube, mein Instaauftritt sieht sehr ideal aus, mein Leben verläuft auch sehr privilegiert und großartig und doch ist es, zwischen all den Bildern und Zeilen, hier in Tansania auch schwer für mich. Schwer, wenn Missverständnisse einen ins Weinen bringen, wenn man krank ist, wenn man Komfort vermisst, wenn man sich selbst vergisst und sich selbst nicht wieder erkennt. Wenn man einen kleinen Hitzeschlag hat und das mit der Sonnencreme vernachlässigt. Wenn Energie fehlt und man nur noch schlafen will. Wenn ein “ach das nehme ich nicht mit, das besorge ich mir vor Ort” sowas von überhaupt nicht aufgeht, weil es so vieles nicht gibt. Schwer, wenn meine neuen internationalen Kontakte erzählen, wie schwer es wirklich ist und ich all das nur erahnen kann. Es ist schwer. Und das ist okay. Und das gehört sicherlich dazu. Und vielleicht verleiht es dem ganzen hier auch mehr Tiefe. Ein “Komm doch vorbei, das tut mir so leid.” obwohl man sich erst 4 Wochen lang kennt und es nur daran scheitert, dass man eben alleine als Frau am Abend nicht mehr einfach so vorbeikommen kann. Aber dann hat man immerhin noch eine schlechte Internet Verbindung.

Mein Kanga (ein Tuch, welches man hier als Rock, als Kindertragetuch, als Handtuch und eigentlich für alles verwendet

30.09.19

Manchmal bin ich unangenehm berührt, wenn ich an meine unendlichen Privilegien als Frau aus Deutschland denke. Nicht nur in Bezug auf Tansania. Auch in der Runde mit vielen Griechen, die von arbeitslosen Lehrern in ihrem Land erzählten, dass sie zwar hier in Tansania als reich gelten, aber in Europa eher ein armes Land darstellen. Ich fühle mich komisch, wenn ich auf die Frage “Was machst du nach Tansania” genau weiß, dass ich einen Job haben werde und mein Luxusproblem ist, dass ich nicht weiß, ob ich mich nach dem Ref wieder bemühen sollte, an die Uni zurückzukehren oder eben nicht. Dann fühle ich mich so komisch gegenüber den Leuten, denen ich meine Jobüberlegungen erzähle und die seit Monaten hier im Land einen Job suchen, alles machen würden und keinen Job finden. Dann wird mir mal wieder so richtig bewusst, an welcher wirtschaftlichen Spitze wir stehen. Und dass uns diese Wirtschaft eines der weltbesten Bildungssysteme garantiert. Auch wenn Pisa was anderes sagt haha. Nicht nur im Vergleich Europa – Afrika, sondern auch innerhalb Europas. Es ist weltweit so unfassbar selten als Frau und eben generell zu den “reichen” Akademikern zu gehören. Und auch wenn ich, wenn wir, so oft auf unsere Regierung schimpfen: Oh man es geht uns so gut und ich bin unendlich dankbar. Was also tun mit all unseren Privilegien? Manchmal fühle ich mich komisch, weil ich weiß, dass ich in einem anderen Land wohl nie hätte studieren können. Ich glaube aber, ein schlechtes Gewissen bringt uns nicht weiter. Ich glaube, wir haben die Verantwortung uns für Menschen einzusetzen – denen es nicht so gut geht. Nicht unbedingt in Afrika, vielleicht einfach nur in unserer Nachbarschaft. Denn trotz allem Reichtum gibt es auch bei uns große Armut. Ich hoffe, meine Augen und mein Hirn werden dies verstärkt wahrnehmen, wenn ich zurück bin und ich mal wieder unruhig werde, weil ich “nur” zweimal im Jahr im Flugzeug saß oder ich ins Grübeln verfalle, ob mich denn eine wissenschaftliche Karriere erfüllen würde oder ich doch lieber Lehrerin sein will – schließlich kann ich mich von beiden Jobs ernähren. 

05.10.19

Ein Nachbarschaftsabend und der 3. Oktober. Erfüllt. Erst war ich ein bisschen betrübt, dass mein erwarteter Wanderausflug nicht stattfand, aber dann umso glücklicher stattdessen am gewohnten Ort einen deutsch – tansanischen Nachmittag und Abend zu verbringen. Trotz großer Swaheli – Englisch – Deutsch Sprachbarrieren, habe ich mich viel wertgeschätzter gefühlt, als in so manch europäisch englischsprachiger Runde hier, bei denen Personen mich einfach gar nicht mehr ins Gespräch einbeziehen, weil mein Englisch nicht gut genug ist. Oder gestern, im deutschsprachigen Kontext, als der Tag der deutschen Einheit damit bedacht wurde, mir zu sagen, dass “ihr im Osten ja nicht so gut in Geschichte beim Thema Nationalsozialismus aufgepasst habt”. Reflektierter Ausspruch einer deutschen Person mit Doktortitel, der schon in der ganzen Welt unterwegs war, aber noch nie den ominösen Osten Deutschlands besucht hat. Ich glaube, da haben unsere tansanischen Gäste mehr vom 3. Oktober verstanden, indem sie uns fragten, wie das denn sei, sie hätten gehört Ostdeutschland sei ärmer als Westdeutschland. Dann konnte berichtet werden, dass wir seit langer Zeit ein Land sind und die Mauer nicht mehr existiert. Physisch jedenfalls nicht. Ich freue mich darüber diesen Tag wahren Interesses aneinander und mit viel Nagellack erlebt zu haben und dabei ein gutes Bauchgefühl zu haben. So gehe ich erfüllt ins Bett – erfüllter als an dem Tag, an dem ich das Gefühl hatte aufgrund meiner Herkunft in Deutschland von Deutschen als dumm bedacht zu werden.

12.10.19

Ich bin geschafft. Vielleicht zu geschafft, um feststeckende Busse zu ertragen.Vielleicht zu geschafft, um Regen ohne Regenjacke zu erleben. Ich bin müde und k.o. Der Deutsch-Englische Sprachwechsel strengt mich an. Die Lautstärke auf den Märkten strengt an. Ich bin müde.

14.10.19

Ich komme an. Ich lasse los. Ich bin hier. Lass ein wenig los, von meiner „deutschen“ Art und Weise. Nehme so manches nicht mehr als fremd, sondern als „normal“ wahr. Ich bin hier. Ich bin kein Tourist mehr. Wie unfassbar krass ist es, ein Teil Tansanias zu sein. Hier zu leben. Ich liebe die Freiheit, wenn mir der Wind im Dalladalla (Bus) oder im offenen Bajaji (TukTuks) um die Nase weht. Ich liebe es, ein Teil der Menschen auf dem Markt zu werden. Ich liebe es, die Preise auf Swaheli zu verstehen. Der erste Monat war leicht – wie ein Abenteuer. Der 2. Monat hat mich geschliffen – es war nicht immer einfach und doch gleichzeitig von großes Glücksmomenten gekennzeichnet. Ich habe Menschen kennengelernt, die ich nicht mehr vergessen werde. Ich nehme ein Stück weit am tansanischen Leben teil. Ich kenne Tansanierinnen und Internationale. Ich lebe hier. Ich bin angekommen.

damit fühle ich mich mobil
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