Weihnachten im Rotlicht

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Weihnachten im Rotlicht

Weihnachten 2015

“Es gibt viel Schimpfwörter für sie, wir nennen sie Gottes geliebte Prinzessinnen.”

Ein Satz, der mein Herz berührte.

Weihnachten 2015 war mein erster ehrenamtlicher Besuch im Bordell. Bei Café und Kuchen und Weihnachtsmusik. Ein Schlüsselerlebnis, indem ich zum ersten Mal verstand, dass es Dunkelheit in unserer Welt gibt. Die Grauzonen. Die “versteckten” Gesellschaften.

Wenn wir mit der Tür ins Bordell in andere Welten eintreten, dann sehen wir Gesichter, von denen wir uns nicht vorstellen können, durch welche Dinge sie diesen Ausdruck erhielten. Traurige Augen. Wache Augen. Überdrehtes Kichern. Ein schrilles Klingeln und die Stimmung wird dunkel. Ein Freier kommt. Zwei-, drei-… Tausendfach in Deutschland. Täglich. Legal. Eine Pommes-Bude muss mehr Gesetzeslagen erfüllen als ein Bordell.

Durch die Legalisierung der Prostitution im Jahr 2001 ist Deutschland eines der Hauptzielländer für Menschenhändler*innen geworden. Hier dürfen Frauen ohne Konsequenzen so behandelt werden, wie es der Kunde gerade möchte. Hier lässt sich “Geschäft” machen. Hier gibt es aufgrund der hohen Konkurrenz keine Tabus mehr.

Meist werden osteuropäische Frauen verschleppt, mit falschen Versprechen nach Deutschland gelockt oder von ihren eigenen Eltern verkauft. So groß ist die Armut in Ländern, die zur EU gehören. So groß der Zwang der Perspektivlosigkeit, dass man meiner Meinung nach unter dem beschönigendem Deckmantel der Freiwilligkeit nicht von dieser sprechen kann. Die Politik schaut weg. Es gibt keine zuständigen Behörden. Kaum etwas wird überprüft. Ein Schandfleck.

Mir ist kalt. Eiskalt.

Ich kann wieder zurück in mein warmes Zimmer, in mein sauberes Bett, in mein “normales” Leben. Die Frauen müssen bleiben. Oder denken, dass sie bleiben müssen. Ungerecht.

Weihnachten 2018

Weihnachtsaktion. Wir haben viele Geschenke gebastelt. Kästchen mit Glitzer, Tee, Nagellack und Parfüm. Wir haben Geigenspielerinnen dabei. Musik öffnet Herzen. Wir schauen uns Fotos und Videos ihrer Familien an. Reden. Lachen. Wir sind eine Gruppe an Frauen aus verschiedenen Kirchen und teilen gerne mit, dass Jesus auf die Welt gekommen ist, um Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit zu geben*. Der Sinn von Weihnachten. Wir wollen Hoffnung bringen und einfach da sein. Da ist kein (Aus)lachen, nein da werden wir angelächelt.

*nein, wir “missionieren” nicht, wir betrachten die Thematik aber auch aus einer anderen Perspektive: der Unsichtbaren. Außerdem glauben viele Frauen aus Osteuropa an Gott, dann tauschen wir uns gerne darüber aus und beten zusammen. Natürlich drücken wir niemandem unseren Glauben auf. Glaube öffnet – wie Musik – Türen und Herzen.


Und da wird mir der Sinn von Weihnachten neu bewusst. Weihnachten ist mehr als Liebe und Familie, Weihnachten ist, dass die Dunkelheit vom Licht erschüttert wird.

An Weihnachten 2018 bin ich nun 3 Jahre Teil einer Gruppe, die mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs ist, um Frauen zu finden, an die niemand denkt. Und erfahren habe ich:
Die selbstständige freie deutsche Prostituierte ist so selten, dass ich sie persönlich fast als eine Lüge bezeichnen würde. In 3 Jahren Ehrenamt im “Rotlichtmillieu” meiner Stadt, sind mir nicht mal eine handvoll deutscher Frauen begegnet. Aber unzählige Frauen aus Osteuropa, die Geschichten der Armut erzählen.

Und ich? Ich kann wieder nach Hause. Stecke meine Kleidung in die Waschmaschine. Das ist ein Tick von mir. Sobald ich irgendwo saß, muss ich alles sofort waschen. Und ich werde traurig, da ich in meiner Welt alles leicht und unmittelbar von mir “abwischen” kann. Wegwaschen. Sinnbildlich. Aber die Frauen müssen bleiben.
Oder denken, dass sie bleiben müssen. Ungerecht.

Ich wünsche euch besinnliche Weihnachten und dass wir alle besonders aber nicht nur in dieser Zeit versuchen, die Dunkelheit unserer Welt zu erschüttern.

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